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Patientenbericht
Aufgrund längerer Krankheit wurde bei mir ein Nierenversagen diagnostiziert. Für mich ist damals eine Welt zusammengebrochen. Psychisch habe ich sehr um die Funktion meiner Nierentätigkeit gekämpft. Immer wieder dachte ich, dass sie sicher wieder ihre Funktion aufnehmen werden. Der Gedanke allein, dialysepflichtig zu sein, versetzte mich in große Angst. Dank meines behandelnden Arztes lernte ich mit der CAPD und meiner eingeschränkten Nierenfunktion sehr gut umzugehen. Ich habe trotz der Dialyse sowie einiger gesundheitlicher Zwischenfälle und dank der vollsten Unterstützung meiner Familie eine schöne und glückliche Zeit mit meiner Krankheit erlebt. Währenddessen habe ich mein Medizinstudium begonnen. Somit hatte ich nicht viel Zeit, über mein Schicksal nachzudenken.
Natürlich versuchte ich mir immer wieder vorzustellen, wie es wäre, eine eigene funktionierende Niere zu haben. Ich habe mir einen Pager gekauft, um immer erreichbar zu sein, falls eine passende Niere für mich da ist. Dieses Warten hat mich aber immer etwas gestört. Ich hatte Angst vor dem Zeitpunkt, zu dem ich "aufgefordert" werde, ins Krankenhaus zur Transplantation zu kommen. Ich wollte nicht aus meinem Leben gerissen werden, da ich mit meinem Zustand sehr gut zurechtgekommen bin. Außerdem habe ich mein Leben schon als normal angesehen. Ein Leben ohne Dialyse war nicht mehr vorstellbar.
Nachdem sich meine Werte allerdings nach 3 Jahren Wartezeit verschlechterten, legte mir mein Arzt eine Verwandtenspende nahe. Zuerst habe ich diesen Gedanken verworfen. Es wäre nie in Frage gekommen, das Leben meiner Eltern aufs Spiel zu setzen. Ich wusste sehr wohl, dass ein Spender mit einer Niere ein normales Leben führen kann. Doch dass Risiko besteht, dass die 2. Niere aus verschiedenen Gründen funktions-untüchtig werden kann, - und warum sollte ich die Menschen, die ich am meisten liebte, dieser Gefahr aussetzen?!
Außerdem wollte ich nicht wahrhaben, dass es ausgerechnet für mich keine Fremdniere geben sollte.
Nach den immunologischen Tests, denen sich meine Eltern nach einigen Überlegungen unterzogen haben, stand nun fest, dass beide als potenzielle Spender in Frage kommen würden. Als meine Eltern für eine Nierenspende bereit waren, wurde ich nun vor die Wahl gestellt, von wem ich lieber die Niere hätte. Es kam mir vor, als würde ich eine Ware aussuchen! Die Ergebnisse haben gezeigt, dass die Niere meines Vaters um eine geringe Abweichung besser zu meinen Werten passte, als die meiner Mutter, obwohl es auch kein Problem gewesen wäre, die Niere meiner Mutter anzunehmen. Ich habe mich nach langen Überlegen doch für meinen Vater als Spender entschieden. Von meiner Mutter wusste ich, dass sie über meine Entscheidung enttäuscht sein würde. Sie war nämlich von Anfang an dafür, mir eine Ihrer Nieren zu schenken. Aber ich habe gespürt, dass ich meinem Gefühl trauen musste. Meine Mutter half mir immer mit ihrer Stärke und ihrem Zuspruch, schlimme Situationen in meinem Leben leichter zu überstehen. Und ich wusste, dass mein Vater und ich sie nach der Transplantation ganz dringend als Stütze brauchen würden. "Denn meine Mutter ist für mich besser als jede Medizin, die ich in der Apotheke kaufen kann!"
Der Tag der Aufnahme ins Krankenhaus für die geplante Transplantation war sehr schlimm für mich. Ich fühlte mich so eingesperrt und hilflos. Ich hatte Angst um meinen Vater, dass ich die Niere abstoße oder es zu schwerwiegenden Komplikationen kommen könnte. Es war für mich eine so ungewisse Zukunft, dass ich deren positiver Seite in dieser Situation nichts abgewinnen konnte. Warum das alles auf sich nehmen, wenn ich doch auch mit der Dialyse leben konnte? Ich war sehr verzweifelt.
Am Morgen der Operation war ich ganz still. Mein vater wurde als erster zur OP geholt. Als ich so allein im Zimmer saß, ließ ich meinen Tränen still ihren Lauf. Aber sie erleichterten meine Seele und ich malte mir aus, wie meine Welt in ein paar Wochen aussehen könnte.
Als ich aus der Narkose erwachte, wurde ich gerade in unser Zimmer gebracht. Meinen Blick richtete ich sofort auf das Bett von meinem Vater. Ich hörte seine vertraute Stimme, die mir sagte, dass es ihm gut gehe. Plötzlich war ich so erleichtert! Wir hatten die Operation hinter uns - Gott sei Dank! Ich legte meine Hand auf Papas Niere, die jetzt mir gehörte. Eine angenehme Wärme durchflutete mich, und ich schlief ruhig und entspannt ein.
Wie sich nach einigen Tagen herausstellte, ist meine Niere sofort "angesprungen" und hat problemlos funktioniert. Natürlich gab es auch noch schwere Stunden für mich nach der Transplantation.
Nach 2 Wochen im Krankenhaus konnte ich in häusliche Pflege entlassen werden. Ich konnte lange nicht realisieren, dass ich keine Dialyse mehr brauchen würde. Beim Anblick meine Infusionsständer habe ich zu weinen begonnen. Ich war so verwirrt. Ich konnte das Glück überhaupt nicht begreifen, wieder ein unabhängiger Mensch zu sein. Immer wieder dachte ich, dass die Niere nur ein Nierenersatz ist. Urinieren betrachtete ich jedes Mal als ein Wunder, obwohl ich große Schmerzen dabei hatte. Ich musste erst wieder lernen, mit einer funktionierenden Niere zu leben, wieder ein freier Mensch zu sein. Zum erstenmal nach 4 Jahren konnte ich den ganzen Tag von zu Hause weg sein, ohne irgendwelche medizinischen Hilfsmittel mitnehmen zu müssen.
Ich habe die Entscheidung, die ich damals treffen musste, noch nie bereut. Meine Eltern haben mir so (m)ein Leben geschenkt.
Meine Niere arbeitet ausgezeichnet. Ich freue mich auch heute noch täglich über meine Niere, hege und pflege sie, so gut ich kann. Eine regelmäßige Medikamenteneinahme, viel Trinken und genaues Beobachten der Nierenfunktion ist oberster Grundsatz. Jetzt sehe ich es als positives Schicksal, dass ich damals keine Fremdniere bekommen habe. Denn ich empfinde es als wunderschön und als angenehmes Gefühl, ein Stück von meinem Vater in mir tragen zu dürfen.
Mein Studium habe ich frühzeitig beendet und bin seit mehr als 2 Jahren voll berufstätig. Mittlerweile bin ich von zu Hause ausgezogen und führe ein selbständiges Leben, das ich sehr genieße. Das Verhältnis zu meinem Vater ist spürbar intensiver geworden. Wir sind uns igrendwie ähnlich geworden. Er ist mein bester Freund, der mir stehts mit seinem Rat und seiner Erfahrung in all meinen Lebensfragen, die ich ja jetzt allein bewältigen muss, zur Seite steht. Meine Mutter und ich sind nach wie vor die besten Freundinnen und ich danke ihr für die aufopfernde Liebe, die sie in all der Zeit meiner langen Krankheit aufgebracht hat.
Der siebzehnte Geburtstag meiner Tochter war für viele Jahre das letzte unbeschwerte Ereignis in meinem Leben. Einige Wochen später begann meine Tochter zu fiebern. Eine nachfolgende Untersuchung im Krankenhaus konfrontierte meine Frau und mich mit dem vorerst unvorstellbaren Ergebnis, dass unsere Tochter schwer erkrankt war. Aus damaliger medizinischer Sicht unheilbar und auf lange Sicht nierenschädigend. Die zur Stabilisierung der Erkrankung notwendige Chemotherapie, welche nach Meinung der damals behandelnden Ärzte die bestmögliche Therapie sein sollte, um eine weitere Schädigung der Niere zu verhindern, erforderte zum Teil mehrwöchige Krankenhausaufenthalte.
Nachdem meine Frau, mein Sohn und ich selbst unsere anfängliche Verzweiflung überwunden hatten, erkannten wir, dass unsere Tochter nur dann eine Chance auf ein in Zukunft selbstständiges Leben hat, wenn wir ihr helfen, dass sie trotz ihrer schweren Beeinträchtigung ihre Ausbildung vorsetzen und beenden kann. Wir haben also, zum Teil gegen anderslautende Meinungen, "in die Mitte genommen" und ihr die Beendigung der Schulausbildung bis zur erfolgreichen Ablegung der Reifeprüfung ermöglicht. Ein wichtiger Meilenstein in ihrem Leben und ein großartiges Erfolgserlebnis für sie.
Unser Leben begann sich wieder zu normalisieren, als es trotz ständiger ärztlicher Überwachung und Therapie zum Nierenversagen kam. Der Gedanke, dass unser Kind ab jetzt auch Dialysepatientin sein würde, war in gewissem Sinn ein Fall ins Bodenlose. Das Ärzteteam der neuen Station, das nun für meine Tochter zuständig war, machte uns den Vorschlag, als Nierenersatztherapie die Bauchfelldialyse anzuwenden. Ein uns bis dahin völlig unbekanntes System. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Zuwendung ist es dem ärztlichen Team gelungen, uns von den Vorteilen dieser Art der Dialyse zu überzeugen. Nach einiger Zeit haben wir es offenbar geschafft, den Zustand unseres Kindes als natürlich und zu ihrem Leben gehörend zu akzeptieren. Bald kehrten wir wieder zu unserem gewohnten Leben zurück. Rückblickend kann ich mit Überzeugung sagen, dass ich während dieser Zeit nicht unzufrieden, vielleicht sogar ein wenig glücklich war.
Meine Tochter nahm wieder ihr Medizinstudium auf, welches ihr offensichtlich Spaß machte. Die Funktionswerte ihrer eigenen Nieren besserten sich auch laufend, und ich hoffte sehr, dass sie eines Tages doch wieder zufriedenstellend arbeiten würden. Nach etwa drei Jahren versagten sie aber endgültig.
Keine einfache Situation, weil wir zur Kenntnis nehmen mussten, dass eine Nierentransplantation nunmehr unumgänglich war. Nach einigen Monaten informierte uns der betreuende Arzt meiner Tochter über die Möglichkeit einer Organspende durch einen nahen Verwandten.
Unsere erste Reaktion schwankte irgendwo zwischen Unverständnis und Ablehnung.
"Warum" fragten wir uns, "gibt es für einen so jungen, erst am Beginn seines Lebens stehenden Menschen kein Spenderorgan?"
Auch unsere Tochter wehrte sich gegen diesen Vorschlag, weil sie Angst hatte, ihre Eltern in Gefahr zu bringen. Unser Arzt hat sehr viel Geduld aufgebracht und uns schließlich doch davon überzeugt, dass dies die bestmögliche Lösung für unser Kind ist. Meine Frau und ich unterzogen uns den notwendigen Unetrsuchungen, wo schließlich ich als der geeignetere Spender erkannt wurde. Es ist meiner Frau nicht leicht gefallen, diese Entscheidung zu akzeptieren.
So skeptisch ich diesem Projekt am Anfang gegenübergestanden war, ab diesem Zeitpunkt war ich von der Richtigkeit unseres Entschlusses überzeugt. Obwohl ich mich zum ersten Mal einer Operation unterziehen musste, hatte ich bei dem Gedanken keine Angst mehr.
Der Tag, an dem wir unser Krankenzimmer im AKH-Wien bezogen, hat mich dann doch mit etwas gemischten Gefühlen überrascht. Ich dachte dabei aber weniger an mich, sondern wünschte mir von ganzem Herzen einen Erfolg für mein Kind. Leider musste unsere Transplantation aus organisatorischen Gründen um einen Tag verschoben werden, was sich auf meine Tochter eher belastend ausgewirkt hat. Ich bemühte mich, ihr Kraft zu geben, damit ihre jetzt positive Einstellung nicht kippt.
Am Vormittag des darauffolgenden Tages wurde ich zuerst aus dem Zimmer geholt und werde den letzten Blick auf mein Kind niemals vergessen. Ich spürte ihre Hoffnung und zugleich ihr Bangen. Dann verliert sich meine Erinnerung. Als ich wieder zu Bewusstsein kam war ich noch im Aufwachraum. Mir war angenehm warm, ich fühlte mich wohl und hatte den Eindruck, dass mit mir alles in Ordnung war.
Ein Arzt teilte mir mit, dass meine Tochter die Operation schon hinter sich habe und es ihr gut gehe. Am Abend waren wir beide wieder in unserem Zimmer. Wir wechselten nur ein paar Worte miteinander und waren beide sehr erleichtert. Ich hatte Sehnsucht nach meiner Frau, um mit ihr zu reden und die Erleichterung der ersten Hürde mit ihr zu teilen. Doch leider durfte sie uns an diesem Tag nicht besuchen.
Die nächsten Tage waren sehr mühsam für uns. Aber inmitten der liebevollen medizinischen Betreuung und seelischen Obsorge erholten wir uns offenbar rascher und problemloser als erwartet. Mit jedem Tag vergrößerte sich meine Zuversicht ein klein wenig mehr. Meine Tochter war zwar noch nicht so guter Dinge, denn für sie waren die Folgen des Eingriffes ja weit schwerwiegender. Aber nach etwa zwei Wochen hatten wir es dann doch geschafft und wurden nach Hause entlassen.
Mein Leben ist durch die Operation in keiner Weise beeinträchtigt worden. Nach einer kurzen Erholungsphase bin ich wieder ins Berfusleben zurückgekehrt. Die einzige Veränderung, die ich erfahren habe, ist, dass ich jetzt bewusster lebe, meiner Ernährung mehr Beachtung schenke und einmal jährlich zu einer Kontrolluntersuchung gehe. Die einzige Schwierigkeit bereitete mir in der Zeit danach das "Loslassen" meines Kindes. Ich hatte mich in den vergangenen Jahren ja irgendwie zu ihrem Lebensmanager entwickelt, zumindest empfand ich das so. Unsere innere Bindung ist aber nach wie vor viel enger als jemals zuvor, wir denken und fühlen viel gleichartiger als dies der Norm entspricht; so ähnlich wie Zwillinge, kommt mir vor.
Für uns begann im wahrsten Sinne des Wortes ein neuer Lebensabschnitt. Meine Tochter beendete ihr Studium vorzeitig und wurde berufstätig. Mittlerweile ist sie in eine eigene Wohnung gezogen und sorgt völlig selbständig für ihren Lebensunterhalt.
Leben nach einer Transplantation

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